Shu's Japan Welt

Die Päonienlaterne

Die Geistergeschichte „Die Päonienlaterne“ ist ein in Japan bekannter Roman des Schriftstellers Encho aus dem 19 Jahrhundert und wurde von einer chinesischen Legende inspiriert. Bekanntheit erlangte die Geschichte durch die Tehateradaption einer beliebte Schauspielgruppe. Es ist die Geschichte einer grossen Liebe, die sogar den Tod zu überwinden und die Toten aus dem Grab wiederkehren zu lassen vermag. Sie handelt aber auch von Gier, Verrat und gebrochenen Versprechen.

Vor langer Zeit lebte ein angesehener Mann namens Lijima Heizayēmon. Dieser hatte eine Tochter, die er Tsuyu nannte. O-Tsuyu, deren Name Morgentau bedeutet, war so schön, wie es der Name verheisst. Als O-Tsuyu ihr sechzehntes Lebensjahr vollendet hatte, beschloss ihr Vater, ein weiteres Mal zu Heiraten. Bald musste er jedoch feststellen, dass seine Tochter in der Gegenwart ihrer Stiefmutter unwohl fühlte. So beschloss Lijima, für seine Tochter ein eigenes Haus zu bauen, in dem sie fortan mit ihrer Dienerin O-Yone leben sollte.

O-Tsuyu lebte lange Zeit glücklich und zufrieden in der Abgeschiedenheit ihres neuen Zuhauses, bis zu dem Tag, als sie Besuch von Yamamoto Shijo, dem alten Hausarzt und Freund der Familie bekam. Der Arzt wurde von einem jungen Samurai namens Hagiwara Shinzaburo begleitet. Shinzaburo war nicht nur gutaussehend, er hatte auch gute Umgangsformen. O-Tsuyu gefiel der junge Mann und auch Shinzaburo war seiner Gastgeberin sofort zugetan. Noch bevor der Besuch zu Ende war, waren die beiden bereits in innigster Liebe für einander entbrannt.
Als die Zeit des Abschiedes gekommen war, flüsterte O-Tsuyu ihrem Liebsten zu: „Wenn du nicht zu mir zurück kommen solltest und ich dich nie wieder sehe, dann muss ich sterben!“

Mit jedem Tag wuchs in Shinzaburo die Sehnsucht, nach O-Tsuyu und der Wunsch nach einem Wiedersehen wurde immer Stärker. Aber die Gepflogenheiten erlabten ihm nicht, alleine einen Beuch bei seiner Liebsten zu machen. Er musste darauf warten, dass er den alten Arzt ein weiteres Mal zu O-Tsuyu begleiten durfte. Shinzaburo hatte sich das Versprechen geben lassen, dass der Arzt ihn auch das nächste Mal auf einen Besuch mitzunehmen.
Dem alten Mann war bei ihrem ersten Besuch nicht entgangen, dass die beiden jungen Menschen tiefe Gefühle für einander hegten. Er fürchtete sich vor der Wut ihres Vaters, sollten irgendwelche Indiskretionen auftreten. O-Tsuyus Vater, kannte in diesen Dingen keine Gnade. So brache der Arzt sein Versprechen, und unterliess es, Shinzaburo ein zweites Mal mitzunehmen.

Es vergingen Monate in denen O-Tsuyu geduldig wartete. Doch je länger sie ohne ein Zeichen von Shinzaburo wartete, desto grösser wurden Trauer und Schmerz. O-Tsuyu wurde darüber krank und starb schliesslich an ihrem gebrochenen Herzen. Aus Gram über den Tod ihrer Herrin folgte ihr die treue Dienerin O-Yone kurz danach ins Grab.

Von den fernen Ereignissen ahnte Shinzaburo nichts. Aus Sorge, O-Tsuyu könnte schlecht über ihn denken, war er selbst krank geworden und lag eine lange Zeit auf dem Krankenbett.
Als er endlich wieder auf dem Weg der Besserung war, bekam er unerwartet Besuch von Yamato Shijo. Der alte Arzt entschuldigte sich viele Male, dass er so lange weg geblieben war.
Shinzaburo entgegnete schwach: „Lange bin ich krank gewesen, weil sie mir den Wunsch verwehrten, O-Tsuyu einen weiteren Besuch abzustatten. Alleine konnte ich ja unmöglich bei ihr vorstellig werden.“
Der Arzt antwortete ernst: „Es schmerzt mich sehr ihnen mitteilen zu müssen, dass die junge Dame verstorben ist.“
Shinzaburo wurde leichenblass. Erst als sein Besucher wieder gegangen war, fing sich Shinzaburo wieder etwas. Voller Trauer begab er sich zu seinem Hausaltar, schrieb den Namen O-Tsuyus auf eine kleine Totentafel und stellte sie auf den kleinen Altar. Er sprach ein Gebet für seine verlorene Liebe.

Von diesem Tag an, wiederholte Shinzaburo täglich seine Gebete für O-Tsuyu, bis schliesslich der Tag des O-Bon-Festes, des japanischen Ahnenfestes, gekommen war. Wie es die Tradition verlangt, schmückte er Haus und Altar und zündete Lichter an, damit die Seelen der Toten den Weg finden mögen. Als er nun gegen zwei Uhr morgens auf der Veranda seines Hauses sass, vernahm er plötzlich das leise Klackern von Holzsandalen, die den Weg hinter der Hecke entlang kämmen. Durch die Hecke konnte er die Gestalt zweier Frauen erkennen. Die eine Trug ein Langes, üppig besticktes Gewand, während die andere eine mit Päonien bemalte Laterne vor sich her trug. Shinzaburo reckte den Kopf um mehr zu sehen und erkannte O-Tsuyu und ihre Dienerin O-Yone.
Verwundert rief er den beiden nach und als sie sich zu ihm drehten, waren sie nicht minder erstaunt.
„Seid Ihr das, Hagiwara-sama?“, fragte O-Tsuyu mit grossem Staunen.
„Ihr seid es wirklich? O-Tsuyu und O-Yone?“, rief Shinzaburo.
„Hagiwara-Sama! Wie kann das sein?“, rief O-Yone, nicht weniger erstaunt. „Uns wurde berichtet, dass ihr verstorben seid. Deswegen waren wir heute auch beim Tempel, um für eure Seele zu beten.“
„Glaubt mir, mir hat man das Gleich über euch berichtet.“, sagte Shinzaburo mit betroffener Stimme.
Shinzaburo bat die beiden Frauen einzutreten und man nahm auf der Veranda Platz. O-Yone begann zu berichteten, dass sie und ihre Herrin das stattliche Landhaus verlassen hatten und nun in einem kleinen Haus in der Stadt nahe beim Friedhof lebten, wo sie sich mit kleinen Handarbeiten über Wasser hielten. Sie äusserte den Verdacht, dass der Vater O-Tsuyus, von den Gefühlen, die Shinzaburo und O-Tsuyu für einander hegten erfahren haben musste und dass es die Stiefmutter gewesen sein musste, die eine Intrige zu spinnen wusste. Um die beiden voneinander zu trennen erzählte man beiden, dass der jeweils andere verstorben sei. O-Tsuyu konnte ihre Liebe aber nicht vergessen und weigerte sich, als sie auf den Wunsch ihres Vaters einen anderen Mann heiraten sollte. Angestachelt durch die Stiefmutter kam es zum Zerwürfnis und die beiden Frauen verliessen daraufhin ihren Wohnsitz.
O-Tsuyu hatte die ganze Zeit, während O-Yone berichtete, geschwiegen. Sie sass still auf der Veranda und verbarg ihr Gesicht hinter einem Zipfel ihres Ärmels. Shinzaburo bat die beiden Frauen noch zu bleiben, und so blieben sie bis die Sonne aufging. Nacht für Nacht kehrten die beiden Frauen zur gleichen Stunde zu dem Anwesen Shinzaburos zurück und schon bald war die Liebe zwischen Shinzaburo und O-Tsuyu wieder entflammt und brannte heisser als je zuvor.

In einem kleinen Haus neben dem Anwesen Shinzaburos, wohnte ein Mann namens Tomozo mit seiner Frau. Sie waren dem jungen Samurai zu Diensten und konnten dank seiner Grosszügigkeit gut leben.
Nun begab es sich, dass Tomozo eines Nachts fremde Stimmen aus dem Schlafzimmer seines Herrn vernehmen konnte. Er war sich sicher, dass es die Stimmen zweier Frauen gewesen waren. Tomozo und seine Frau befürchteten, dass ihr Herr sich leichtfertig mit nicht standesgemässen Individuen eingelassen haben könnte und dass das zu Problemen führen könnte, auch für sie beide.
Und so begab es sich, dass Tomozo in einer dieser Nächte zum Haus seines Herrn schlich und dort nach einer Ritze suchte, um in das Zimmer spähen zu können. Nach mehreren Versuchen fand er schliesslich einen Spalt in der Tür zum Schlafzimmer und linste vorsichtig hinein.
Im fahlen Schein einer Laterne konnte Tomozo den jungen Samurai erkennen, aber er war nicht allein. Die Gestalt einer jungen Frau sass bei ihm unter dem Moskitonetz. Die junge Frau sprach leise und liebkoste Shinzaburos Nacken dabei zärtlich, ihr Gesicht war nicht zu erkennen.
Tomozo suchte einen anderen Platz und fand einen feinen Riss in einer der Papierwände. Als er erneut in das Zimmer späte, erschrak er fürchterlich. Was er sah, war nicht das Bild einer schönen jungen Frau, sondern vielmehr das einer Leiche, die schon lange der Fäulnis des Grabes preisgegeben war. Die schlanken Finger waren nicht mehr als Knochen und der untere Teil des Körpers ging in eine schattenhafte Form über. Eine zweite schattenhafte Gestalt schob sich plötzlich zwischen Tomozo und das Paar. Von tiefer Furcht ergriffen floh der Diener.

Tomozo flüchtete sich zum Nachbarn Shinzaburos, dem alten Glaslinsenschleifer Hakuodo Yusai. Tomozo berichtete, was er in der Villa seines Herrn beobachtet hatte. Yusai zeigte sich aufs äusserste erstaunt. Der alte Mann war in seiner Jugend viel gereist, hatte viel gehört, gesehen und auch gelesen. Für ihn stand fest, es handelte sich um die Geister verstorbener, die den jungen Samurai heimsuchten und über kurz oder lang, würde dieser dadurch zu Tode kommen. Yusai verpflichtete Tomozo mit niemandem über die Angelegenheit zu sprechen und beschloss, selber das Gespräch mit Shinzaburo zu suchen.
Schon kurz nach Sonnenaufgang wurde Yusai bei dem Samurai vorstellig. Dieser leugnete zuerst, dass er überhaupt Besucher empfangen hatte, aber dann gab er es schliesslich zu, zeigte sich aber weiterhin uneinsichtig. Yusai versuchte aufgeregt dem Törichten ins Gewissen zu reden. Mit weniger Erfolg als er gehofft hatte.
Zuletzt sagte er noch: „Habt Ihr ihn schon einmal aufgesucht, den Ort an dem die beiden Damen heute angeblich leben?“

Als Der Nachbar gegangen war, nagten doch leichte Zweifel an Shinzaburos Herzen. er beschloss sich Klarheit zu verschaffen, und tat wie der Alte ihm geheissen hatte.
Shinzaburo begab sich in das Viertel, in dem O-Tsuyu und O-Yone leben wollte und suchte nach dem kleinen Haus, das sie ihm beschrieben hatten. Auch nach mehreren Stunden der Suche, war er nicht fündig geworden. Selbst die Befragung der Nachbarn brachte keinen Erfolg. Niemand hatte in der letzten Zeit zwei Damen bemerkt, die sich hier niedergelassen hätten. Als Shinzaburo endlich den Heimweg antrat, beschloss er eine Abkürzung über den Friedhof zu machen. Wie er so seinen Weg ging fielen ihm in der Nähe des Tempels zwei Gräber auf. Das eine war ein schlichtes Grab, wie es für die einfachen Menschen aus dem Volk errichtet wurde, das andre hingegen schmückte ein grosses Monument und gehörte zweifelsohne einer hochstehenden Persönlichkeit. Auf dem Grab stand eine Päonienlaterne. Eine wie diese Trug O-Yone jedes Mal, wenn Sie und O-Tsuyu ihn besuchen kamen. Shinzaburo ging in den Tempel um mehr über die Gräber zu erfahren. Der Tempeldiener bestätigte, dass die Gräber vor kurzem errichtet worden waren, für die Tochter des Herrn Lijima und deren Dienerin. Shinzaburo erfasste Grauen. O-Tsuyu und O-Yone hatten das grosse Landhaus verlassen und waren in ein viel kleineres Haus gezogen. Dieses Haus war das Grab auf eben jenem Friedhof. Verzweifelt bat Shinzaburo den Abt des Tempels um Hilfe, damit er einem grausigen Schicksal entgehen möge.
Der Abt gab Shinzaburo ein Medaillon aus Gold, das er immer bei sich tragen sollte. Ausserdem sollte er jeden Abend ein Sutram rezitieren und die Fenster und Türen seines Hauses mit O-fuda-Zetteln bekleben. Dies alles sollte verhindern, dass die Geister sich dem Samurai weiterhin nähern konnten.
Shinzaburo tat, was ihm der Priester geraten hatte und mit Hilf Yusais hatte er noch vor Einbruch der Nacht alle noch so kleinen Zugänge zu seinem Haus entsprechend präpariert. Angespannt wartete er auf die Stunde, zu der die Toten sich wieder zeigen würden. Um zwei Uhr hörte er leise aber vernehmlich das Geräusch der hölzernen Sandalen auf dem Weg zu seinem Haus. Shinzaburo begann mit dem Rezitieren des Sutrams. Das Geräusch der Holzsandalen verstummte. Stimmen erhoben sich. Sie zeigten sich erstaunt über die Tatsache, dass ihnen der Zutritt verweigert wurde.
„Meine Herrin“, sprach O-Yone, „ ich befürchte, dass der Hagiwara-sama euch nicht weiter gewogen ist. Er hat sein Herz vor euch verschlossen.“
O-Tsuyu begann zu weinen. Die beiden Geister entfernten sich verschwanden in der Nacht.
Jede Nacht kehrten die beiden Geister zurück, in der Hoffnung, dass der Samurai sie doch einlassen würde. Shinzaburo blieb hart und rezitierte stoisch das Sutram auch wenn O-Tsuyus Schluchzen ihm beinahe das Herz brach. Shinzaburo glaubte sich schon gerettet und das wäre er wohl auch gewesen, wenn nicht sein Diener einen schändlichen Verrat an ihm begangen hätte.

Schon bald wurde Tomozo von den beiden Geistern heimgesucht. Sie forderten von ihm, dass er die O-fuda von einem kleinen Fenster im hinteren Teil des Hauses seines Herrn entfernen solle. Damit könnten die beiden hineinschlüpfen und zu dem Geliebten O-Tsuyus vordringen.
Von Angst getrieben versprach Tomozo jede Nacht, zu tun wie ihm geheissen wurde, konnte sich aber am Tage nie dazu durchringen. Das Drängen der Verstorbenen wurde immer fordernder.
Tomozos Frau O-Mine blieb nicht verborgen, dass ihren Mann etwas quälte. Immer wieder fragte Sie, was ihn denn so sehr belaste. Endlich Brach Tomozo sein Schweigen und berichtet seiner Frau alles, was sich in den letzten Nächten zugetragen hatte. O-Mine erkannte in den Geschehnissen eine Gelegenheit, die sie nicht ungenutzt lassen wollte.
Als die Toten auch in der nächsten Nacht Tomozo aufsuchten, herrschte O-Yone den Diener an, dass es ihm kalt den Rücken runter lief. Er versuchte sie zu beschwichtigen.
„Bitte versteht doch.“, stammelte Tomozo. „ Wir sind von der Güte des Hagiwara-sama abhängig. Wir können dem Mann nicht wissentlich Schaden zufügen, der uns Essen und ein Dach über dem Kopf gibt. Hingegen, wenn wir eine gewisse Summe in Gold bekämen, dann wären wir frei. Wir müssten nie mehr auf das Wohlwollen eines Anderen vertrauen.“
Auf O-Tsuyus Drängen hin gab O-Yone der Forderung es Dieners nach.
Der Tag verging und eine neue Nacht brach an. Tomozo hatte die geforderte Summe bekommen und hatte nun keine Skrupel mehr, den Geistern Einlass in das Haus seines Herrn zu verschaffen. Schnell waren die Bannzettel von dem kleinen Fenster entfernt und Tomozo verschwand wieder in seiner kleinen Hütte. Was sich nun abspielte, bekam er nicht mit.

Es war tiefste Nacht. Die zweite Stunde schlug, die Stunde des Ochsen. Zwei schattenhafte Gestalten bewegten sich geräuschlos über das Grundstück zur Rückseite des Hauses zu dem kleinen Fenster. Wie Nebelschwaden glitten sie hinein.
Am nächsten Morgen, lag eine gespenstische Stille über dem Ganzen Anwesen. Es war bereits später Morgen als Tomozo auf der Suche nach seinem Herrn in das Schlafzimmer trat.
Er fand Shinzaburo Tot vor. Neben ihm lag die Leiche einer jungen Frau, die schon fast in Verwesung übergegangen war. Ihre skelettierten Arme hatte sie fest um seinen Hals geschlungen.

• erstellt am 14.08.2019 um 17:31 Uhr
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